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Momente der Mediengeschichte

Immobilien antiker Religionen

Als Überreste antiker Religionen kennen wir die Ruinen beeindruckender Tempel und Statuen. Von der Kultur jener Tage ist dagegen nur das Wenige übrig geblieben, was schriftlich festgehalten wurde, der größte Teil wurde nur mündlich weitergegeben. Aber auch die Schriften zeigen die Merkmale mündlicher Überlieferung: Strenger Rhythmus und viele Wiederholungen erleichtern das Auswendiglernen.

Der Gott der Nomaden des Nahen Ostens war den Tempel-Göttern der Städter rein technisch überlegen: Sein Heiligtum war transportabel und sprach jederzeit auch ohne aufwändige Zeremonie zu seinem Volk, das sich vielleicht auch deshalb als auserwählt empfand. Das Verbot von Götterbildern trug seinen Teil dazu bei, das Judentum – und in seiner Folge den Islam – mobil zu halten und somit zu verbreiten. Ein schriftliches Heiligtum macht Bildung zur religiösen Pflicht jedes Einzelnen.

Medien der Religionen

Technisch betrachtet, verfügten Griechen und Ägypter mit ihren Bauwerken und Inschriften zwar über extrem langlebige „Speichermedien“, diese können bei der Übertragungstechnik jedoch nicht mit Thora und Koran mithalten: Die Schriftrolle ist Speicher- und Übertragungsmedium zugleich.

Das Neue Testament ist in der Buchform (Codex) der erste Speicher mit freiem Zugriff – während die Schriftrolle nur die lineare Verarbeitung durch beidhändiges Rollen zulässt, kann man im Codex leicht herumblättern und somit „springen“. Dadurch werden auch Querverweise möglich – ein willkommenes Werkzeug für eine Religion, die ihre Vereinbarkeit mit dem Alten Testament nachweisen musste.

Übertragungswege

Dass aus einer unbedeutenden jüdischen Sekte das Christentum wurde, ist wohl in erster Linie Paulus und seinen Briefen zu verdanken: Ehrlicherweise müssten die Christen sich „Paulaner“ nennen. Diese umfangreiche Korrespondenz, ohne die sich das Christentum nicht so schnell ausgebreitet und gefestigt hätte, hatte zwei technische Voraussetzungen: Als die Römer Ägypten eroberten, brachen sie damit auch das ägyptische Papyrus-Monopol. Um ihr Machtgefüge aufrecht zu erhalten, waren sie auf einen zuverlässigen und schnellen Informationsfluss angewiesen, der durch die römische Staatspost, den cursus publicus, gewährleistet wurde.

Mit dem Zusammenbruch des römischen Imperiums ging auch die Alphabetisierungsrate stark zurück, Schrift wurde wieder zum Geheimwissen, und die Sprache der Gebildeten entfernte sich von den Sprachen der Völker. Wie schon zu früheren Zeiten wurde Wissen und Kultur in Stein verewigt oder mündlich weitergegeben. Heute können wir die Bildsprache antiker Tempel und mittelalterlicher Kathedralen kaum noch entziffern, die Überlieferung ist verstummt.

Bücher für die Welt

Der nächste Meilenstein der Entwicklung in Europa war die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. (Ganze Seiten wurden schon früher als Holzschnitte gedruckt.) Bücher, für deren Abschrift klösterliche Schreibstuben noch Monate benötigten, konnten nun in kurzer Zeit vervielfältigt und vergleichsweise günstig erworben werden. Die breite Mehrheit der Menschen in Europa konnte nach wie vor nicht lesen, aber immer mehr Reiche hatten nun die Möglichkeit, die Bibel selbst zu studieren, anstatt sich auf die kirchliche Auslegung zu verlassen. Ohne Buchdruck wäre die Reformation nicht möglich gewesen, denn auch die Schriften der Reformatoren mussten ja verbreitet werden.

Schon etwa 30 Jahre nach Gutenbergs erstem Bibeldruck wurde die Nummerierung der Buchseiten (Paginierung) üblich und damit die Erstellung alphabetischer Register möglich.

Referenz verweisen

Die Adressierbarkeit von Buchinhalten beschränkte sich vorher auf Kapitel und Verse (wie in der Bibel heute noch üblich); nun bekamen Daten zum ersten Mal nummerische Speicherstellen. Mit dieser Entwicklung der Referenzierungstechnik stieg auch die Zugriffsgeschwindigkeit auf einzelne Informationen und erleichterte die kritische Auslegung.

Gleichzeitig mit dem Buchdruck wurde in Italien die perspektivische Darstellung entwickelt. Somit gab es Präzision und Reproduzierbarkeit auch für die optische Datenverarbeitung („Imaging“). Zunehmend konnten damit optische Vorstellungen aus dem Menschengedächtnis in technische Speicher ausgelagert werden. In Buchform gespeichert war das Wissen nicht mehr auf die Merkfähigkeit eines Einzelnen beschränkt und entwickelte sich in manchen Bereichen exponentiell.

Die Verfügbarkeit von Büchern und die Möglichkeit zur kritischen Auslegung, begünstigt durch Zugriffstechniken wie zum Beispiel Bibliothekskataloge, waren schließlich Voraussetzungen für die Philosophie der Aufklärung.

Wiederkehr der Korrektur

Seit die Wachstäfelchen der römischen Schüler und Schreiber aus der Mode gekommen waren, war Schreiben immer ein irreversibler Vorgang: Pergament lässt sich zwar abschaben, aber auf Papier konnte man kaum korrigieren. Als in der frühen Goethezeit Schiefertafeln und Kreide in die Schulen Einzug hielten, brachten sie die Korrigierbarkeit zurück. Fehler wurden als Teil des Lernprozesses akzeptiert. Die Bildungsromane jener Zeit dokumentieren eine positive Einstellung zu Irrtum und Entwicklung: Ihr „technisches Geheimnis“ ist die Arbeitssequenz von schreiben, lesen, löschen, neu schreiben, wieder lesen, wieder korrigieren usw.; entsprechend rückt die Entstehungsgeschichte von Werken ins Licht.

Bücher aus Büchern

Während Speicher- und Übertragungstechnik auf der Stelle traten, kam wenigstens die Zugriffstechnik voran: Hegels Werke wären ohne seine Technik des Zettelkastens wohl nicht möglich gewesen. Zwar haben schon vor ihm Autoren auf ähnliche Weise gearbeitet (zum Beispiel Jean Paul), aber erst Hegels Sammlung wurde bekannt: Alles, was ihm bei der Lektüre bemerkenswert erschien, fasste er auf einem Zettel unter einem Stichwort zusammen; diese Blätter ordnete er wiederum alphabetisch, so dass er schnell auf das Wesentliche zugreifen konnte, ohne die ursprünglichen Bücher zur Hand haben zu müssen. Der Zettelkasten ist somit die frühe Form einer Datenbank.

Während Hegel seine Technik „versteckt“ hat und nicht selbst darauf hinweist, dass seine Bücher aus anderen Büchern zusammengeschrieben sind, missverstehen manche Autoren diese Technik, indem sie unveränderte Zitate aneinander reihen.

Analogien

Die nächsten Schritte in der Speichertechnik, die analogen Medien Schallplatte und Film, sind hinsichtlich des Zugriffs ein Rückschritt, denn sie können, wie früher die Schriftrolle, nur linear benutzt werden. Erst das Tonband bietet immerhin Zählerpositionen sowie eine einfache Möglichkeit zum Vor- und Zurückspulen.

Auf die Funk- und Militärgeschichte, die bei Kittler oft im Mittelpunkt steht, möchte ich an dieser Stelle nicht näher eingehen, sondern nur darauf hinweisen, dass nach dem Buchdruck fast alle Entwicklungen der Medientechnik militärische Ursprünge haben.

Während Lesen, Schreiben und Buchdruck dem Einzelnen eine gewisse Macht geben, sind die fortgeschritteneren Techniken viel mehr auf die Machtausübung in hierarchischen Systemen ausgerichtet.

Computer und Demokratie

Auch die heutigen Computer, die sich scheinbar von ihren militärischen Ursprüngen gelöst haben, wirken nicht im Sinne der „Ermächtigung“ des Einzelnen. Mit allerlei „benutzerfreundlichen“ Metaphern (Schreibtisch, Papierkorb) wird großer Aufwand getrieben, um den Computer und seine Funktionsweise vor dem Anwender zu verbergen. Der Abbau der Hemmschwelle durch das Vorspiegeln einer vertrauten Umgebung fördert aber eher die Technikangst („der Computer macht, was er will“) und macht den User ohnmächtig statt eigen-mächtig. Es ist eine Form von Analphabetismus, wenn man vom Computer nur die bunten Bilder versteht – ähnlich wie der mittelalterliche Christ die bunten Kirchenfenster „lesen“ konnte, aber nicht die Bibel.

Der Aufwand, mit dem man heute versucht, einen Computer wie etwas anderes aussehen zu lassen, ließe sich auch darauf verwenden, ihn als solchen verständlich und beherrschbar zu machen: Wer lesen lernt, entdeckt die Welt neu. Wer schreiben kann, kann Einfluss nehmen. Eine echte Demokratie beruht darauf, dass jeder Einzelne Einfluss nehmen kann. Je mehr unsere Einflussmöglichkeiten bis in den privaten Bereich hinein eingeschränkt werden, desto mehr ist unsere Demokratie in Gefahr – wie tief die aktuellen Entwicklungen im Urheber- und Patentrecht, die sich scheinbar nur auf technische Einzelheiten beziehen, in unsere Privatsphäre eingreifen und möglicherweise Kulturgut gefährden, wird sich erst abschätzen lassen, wenn es zu spät ist.