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Etana

Ikaros kennt jeder: Der Erfinder Daidalos soll am Bau des Palastes von Knossos mitwirken, dem „Labyrinth des Minotauros“. Wie das bei Wissenschaftlern auch heute noch vorkommt, hält man ihn gefangen, damit er seine Kenntnisse nicht veröffentlichen kann. Zusammen mit seinem Sohn Ikaros versucht er auf dem Luftweg zu fliehen, wobei Ikaros zu leichtsinnig ist und abstürzt. Trotzdem gilt er immer noch als einer der „Urväter“ der Fliegerei.

Weniger bekannt ist der mesopotamische Etana-Mythos aus dem dritten Jahrtausend v. u. Z., der vom Flug auf einem Adler berichtet. Nach englischen Übertragungen der zerbrochenen Keilschrifttafeln und aus verschiedenen Deutungen habe ich versucht, die „Originalgeschichte“ zusammenzustellen.

Die Erfindung des Königtums

Damals planten die Götter die Stadt Kiš, und sie legten den Grundstein. 

Die großen Götter, die das Schicksal bestimmen, saßen zu Rat über das Land, die Erfinder der vier Himmelsrichtungen, die Schöpfer aller irdischen Form. Sie beschlossen eine Festzeit für das wimmelnde Volk; keinen König setzten sie über die Menschen; noch war kein Kopfputz gefertigt, noch war keine Krone mit Lapislazuli besetzt; noch gab es keinen Thron. Sie sperrten die Tore gegen die bewohnte Welt und belagerten sie mit Rammböcken.

Ištar kam vom Himmel herab, um nach einem Hirten zu suchen, um überall nach einem König zu suchen. Enlil prüfte selbst die Stadt, ob sie einen Thron tragen könne.

„Lasst Etana ihr Hirte und Baumeister sein“, sprachen die Götter. „Lasst uns hier das Königtum begründen, lasst das Herz von Kiš frohlocken!“ So brachten die Götter dem Land die Königschaft, die strahlende Krone und den Thron.

[Lücke]

Etana wird König, hat aber keine Nachkommen. Er sucht verzweifelt nach der Pflanze der Fruchtbarkeit, dem Gebärkraut, dem Baum des Lebens. Er klagt „Traumdeuter haben meinen Weihrauch aufgebraucht, Götter haben meine Lämmer beim Schlachten verbraucht!“

Es wird die Legende vom Adler und der Schlange erzählt: Sie hatten sich Freundschaft geschworen, doch der Adler fraß die Kinder der Schlange. Da lockte die Schlange den Adler in eine Falle und warf ihn in eine Grube, in der er verrecken sollte. Etana rettet den Adler.

Traumdeutung

Er nahm ihn bei der Hand in seinem siebten Monat in der Grube. Im achten Monat brachte er ihn über den Rand der Grube. Der Adler verschlang Nahrung wie ein gefräßiger Löwe und gewann an Stärke.

Der Adler sprach zu Etana: „Mein Freund! Lass uns Freunde sein, du und ich! Frag mich, was immer du begehrst, und ich werde es dir geben.“

Etana erwiderte: „Du kannst meinen Augen eröffnen, was verborgen ist.“

[Lücke/Fragmente:

Etana und der Adler werden Freunde. Etana träumt, und der Adler legt ihm die Träume aus.]

Der Adler sprach zu Etana: [Der Traum wird auch Etanas Frau zugeschrieben.] „Wir gingen durch die Tore von Anu, Enlil und Ea, wir gingen durch die Tore von Sin, Šamaš und Ištar, wir huldigten ihnen zusammen, du und ich. Ich sah ein Haus mit Fenstern, es war nicht verschlossen. Ich öffnete die Tür und ging hinein. Eine bemerkenswerte junge Frau saß darin, sie war beeindruckend, mit schönen Gesichtszügen. Sie saß auf einem Thron, und unter dem Thron lagen Löwen. Als ich hineinging, sprangen die Löwen mich an. Da erwachte ich mit Schaudern.

Der Flug

Mein Freund, die Zeichen sind offensichtlich: Komm, wir wollen uns zum Himmel aufmachen! Lege dich auf meinen Rücken und halte dich an meinen Flügeln fest!“

Etana legte sich auf den Rücken des Adlers, er hielt sich an den Flügeln fest. Wahrhaft groß war die Last des Adlers.

Als er ihn eine Meile empor getragen hatte, sprach der Adler zu Etana: „Schau, mein Freund, wie dein Land nun aussieht! Betrachte das Meer und sieh nach seinen Grenzen!“ – „Mein Land ist nur noch ein Hügel, das Meer ist wie ein Fluss!“

Als er ihn eine zweite Meile empor getragen hatte, sprach der Adler wieder zu Etana: „Schau, mein Freund, wie dein Land nun aussieht!“ – „Mein Land ist nur noch wie ein Stück Lehm, das Meer ist nur noch wie der Graben eines Gärtners!“

Als er ihn eine dritte Meile empor getragen hatte, sprach der Adler abermals zu Etana: „Schau, mein Freund, wie dein Land nun aussieht!“ – „Ich schaue, aber ich kann mein Land nicht mehr sehen! Noch genügen meine Augen, das Meer zu finden! Mein Freund, ich will nicht hinauf in den Himmel, setz mich ab, lass mich hinunter in meine Stadt!“

Er ließ ihn fallen, eine Meile, dann stieß der Adler hinterher und fing ihn auf mit seinen Flügeln.

Eine zweite Meile ließ er ihn fallen, dann stieß der Adler hinterher und fing ihn auf mit seinen Flügeln.

Eine dritte Meile ließ er ihn fallen, dann stieß der Adler hinterher und fing ihn auf seinen Flügeln.

Bis drei Ellen über der Erde ließ er ihn fallen, dann stieß der Adler hinterher und fing ihn auf seinen Flügeln.

Es folgen zwei fragmentarische Zeilen, dann bricht der Text ab. Nach einer anderen Version gelangen sie in den Himmel und huldigen dort den Göttern, wie im Traum vorhergesehen. Es ist auch die Rede von drei verschiedenen Flügen, dann ist dies der dritte. Es lässt sich erschließen, dass die Götter Etana einen Hinweis geben, wo er in einem Flusstal die Pflanze der Fruchtbarkeit finden kann. Nach diesem Fluss wird sein Sohn Belich genannt.

 

Für den Flug des Etana gibt es verschiedene Deutungen. Für Erich von Däniken ist er natürlich ein Beleg für die frühgeschichtliche Raumfahrt – anders als aus einem Raumschiff oder Flugzeug habe man keinen Begriff von der Verkleinerung der Erdoberfläche gewinnen können. Für wahrscheinlicher halte ich da schon die spirituelle Deutung als Vision oder außerkörperliches Erlebnis („Seelenreise“).

Andere schlagen vor, die Geschichte als Allegorie auf den Fall des Menschen zu sehen (viele Einzelheiten, die ich weggelassen habe, passen in diese Deutung) und den Aufstieg in den Himmel entsprechend als „mystischer Aufstieg der Seele“ als Krönung eines beschwerlichen Prozesses der spirituellen Aufrichtung, die den ersten sumerischen König als perfekten Menschen darstellen soll.