Hauptinhalt
Cookie Warnung

Akzeptieren Für statistische Zwecke und um bestmögliche Funktionalität zu bieten, speichert diese Website Cookies auf Ihrem Gerät. Das Speichern von Cookies kann in den Browser-Einstellungen deaktiviert werden. Wenn Sie die Website weiter nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.

Die Frühgeschichte Bischkeks

Das Tal des Tschui mit dem Schwemmland vieler Zuflüsse gehörte seit jeher zu den fruchtbarsten Gegenden der Region und war schon vor über 20.000 Jahren besiedelt. In Bischkek münden Ala-Artscha und Alamedin (kirg. Alamüdün) in den Tschui – am Ufer des Alamedin im heutigen Stadtgebiet wurde eine neolithische Siedlung durch Ausgrabungen nachgewiesen.

Ab etwa dem 7. Jahrhundert v. Chr. lebten im heutigen Nordkirgistan Nomadenstämme der Saken (auch Skythen genannt), deren Gesellschaft möglicherweise matriarchal organisiert war – auch Frauengräber haben häufig Waffen als Grabbeigaben. Im 6. bis 4. Jahrhundert v. Chr. wurden sie, wie ganz Turkestan, von den Persern beherrscht. Alexander der Große scheiterte 329 bis 327 v. Chr. daran, Zentralasien zu erobern. Die Saken verschwanden im 3. Jahrhundert v. Chr. (Reste hielten sich auf der Krim noch bis ins 3. Jahrhundert n. Chr.) bzw. gingen in den Sarmaten auf, einer Konföderation von Reitervölkern.

Die Mehrheit der Bevölkerung am Nordrand des Tienschan (kirg. Tjan-Schan, von chin. Tian Shan, dt. Himmlische Berge) bestand aus turksprachigen Nomadenstämmen. Nur am Issyk-Kul (kirg. Yssyk-Köl) gab es Siedlungen von Sesshaften – die Ruinen der Stadt Tong liegen heute unter Wasser, außerdem wurden die Reste von über 30 Dörfern gefunden. Die kirgisischen Stämme wanderten wohl im 8. Jahrhundert aus dem sibirischen Jenissei-Tal ins heutige Kirgistan ein. Im 8. bis 10. Jahrhundert gehörte das Tschui-Tal zu den Türkischen Khanaten (Königreichen) Türgösch und Karluk. Die Karawanen der Seidenstraße (kirg. schibek scholu) zogen durch die Stadt Dschul, die sich ungefähr an der Stelle des heutigen Bischkek befand.

Im 10. bis 12. Jahrhundert gehörte Kirgisien zum Reich der Karachaniden, dessen östliche Hauptstadt Balassagun in der Nähe des heutigen Tokmok lag.

Dschul und die anderen Städte im Tschui- Tal wurden im 13. Jahrhundert bei der Invasion der Mongolen zerstört. Die aggressiven Feldzüge von Dschingis Khan ruinierten nicht nur Zentralasien, sondern auch die mongolischen Stämme selbst. Es folgten Jahrhunderte von Kriegen, Herrschaftswechseln und internen Fehden. Neue Siedlungen entstanden erst wieder im 19. Jahrhundert, während der Herrschaft des Khanats von Kokand (heute Qo‘qon in Usbekistan).

In der Gegend, welche die Kirgisen als Bischkek (etwa »Ort unterhalb der Berge «) kannten, ließ der Kokandische Befehlshaber Ljaschkor Kumbeli 1825 eine Festung errichten, die auf Geheiß des Khans Muhammad Ali (Madali) von Kokand Pischpek genannt wurde. Pischpek bezeichnet eigentlich einen Quirl zur Zubereitung der vergorenen Stutenmilch Kymys (russ. Kumys) – es gibt jedoch verschiedene Legenden, wie der Ort zu seinem Namen kam, und es soll auch einen Helden namens Bischkek gegeben haben.

Die Festung war nahezu quadratisch, sechs Hektar groß, und lag am Ufer des Alamedin. Sie hatte eine zehn Meter dicke und fünf Meter hohe Mauer aus ungebrannten Lehmziegeln. Darin stand eine zweite, höhere Mauer mit Wachtürmen. Heute kann man an der Straße Kusnetschnaja Krepost (dt. Schmiedefestung nach dem Schmiedefluss, einem früheren Lauf des Ala-Artscha) noch eine Bodenwelle erkennen. (Der Festungshügel der Schmiedefestung wurde zur Gewinnung von Lehm verwendet, dann als städtische Müllhalde. In den Jahren des Chaos und des Krieges ließen sich hier Flüchtlinge nieder und bauten Lehmhütten und Blockhäuser als Unterkunft.)

 

Plan der Festung Pischpek
Plan der Festung Pischpek

Die Siedlung an der Festung entwickelte sich schnell – während sie hundert Jahre früher weniger als hundert Haushalte zählte, waren es Mitte des 19. Jahrhunderts schon beinahe tausend – einige Quellen sprechen gar von mehreren tausend, was sich aber wohl eher auf die Zahl der Einwohner bezieht. 1862 lehnte sich der kirgisische Solto-Clan unter Baitik Kanai uulu gegen die Kokander Herrschaft auf und belagerte die Festung Pischpek mit 200 Reitern. Zur Verstärkung wandte er sich an das Russische Zarenreich, worauf eine Einheit aus Werny (heute Almaty) unter General Gerassim Kolpakowski die Festung eroberte und schleifte. Und da die Russen nun schon einmal im Tschui-Tal waren, blieben sie auch. 1864 wurde an der Stelle der Kokandischen Festung ein russischer Militärposten errichtet, der neue Siedler anzog – unter anderem Bauern aus Russland und der Ukraine, denen hier fruchtbarer Boden zur Verfügung gestellt wurde. So entstand das Dorf Lebedinowka am rechten Ufer des Alamedin.

Topographen des Russischen Militärs entwarfen einen Stadtplan für Pischpek, der 1871 genehmigt wurde. Er sah bereits das heutige, rechtwinklige Straßenraster vor. 1878 wurde Pischpek zum Bezirkszentrum erhoben und damit die erste Stadt europäischer Art in Kirgisien. Bei der Volkszählung von 1897 lebten 6361 Menschen in der Stadt – eine dieser bescheidenen Provinzstädte am Rande des Russischen Reichs, fast ohne Infrastruktur, »eher ein großer Basar als eine Stadt«, wie zeitgenössische Reisende es beschrieben.

Als der Botaniker Alexei Fetissow 1879 aus Sankt Petersburg nach Pischpek kam, beschloss er, die Stadt auf dem teils wüstenartigen, teils sumpfigen Schwemmland der Flüsse Ala-Artscha und Alamedin in einen riesigen Garten zu verwandeln. Er legte den Grundstein für den Eichenpark und gründete eine landwirtschaftliche Schule. Mit seinen Schülern fing er 1898 an, Eichen zu pflanzen, und entwarf 1902 einen öffentlichen Garten. Dieser umfasste das Gelände vom Panfilow-Park und Weißen Haus bis zum Platz des Sieges (damals Grüner Basar) sowie die Grünanlage am heutigen Erkindik-Boulevard. Das brachte dem späteren Frunse den Ruf der »grünsten Stadt der UdSSR« ein.

 

Schüler der Gartenbauschule 1909
Schüler der Gartenbauschule 1909

1887 und 1907 lehnte der Stadtrat den Vorschlag ab, eine Wasserversorgung zu bauen. 1898 meldete der Bürgermeister Ilja Terentjew zwei Gerbereien, eine Ölmühle, eine Gaststätte und 752 Haushalte. Terentjews Stadt- und Landhaus stehen unter Denkmalschutz – das eine gut erhalten hinter dem Eichenpark, das andere als Ruine im Pionierpark an der nördlichen Abdrachmanow-Straße. Die günstige geographische Lage führte wiederum zu einem schnellen Wachstum: 1912 gab es drei russisch-orthodoxe Kirchen und zwanzig Moscheen für eine Bevölkerung von 14.000 Menschen, aber nur zwölf kleine Schulen (inklusive Koranschulen) – nur die Kinder wohlhabender Einwohner bekamen eine nennenswerte Schulbildung. Das Budget für das Gefängnis war fast genauso groß wie der Bildungsetat. Die medizinische Versorgung sah nicht besser aus: Das Stadtkrankenhaus, ein Militärhospital und zwei Untersuchungszimmer verfügten über etwa 20 Betten; Arzt und Apotheke kosteten die Stadt 530 Rubel – ein Drittel der Ausgaben für die Polizei. Dafür gab es um so mehr Gaststätten.

Ilja Terentjew und Familie
Ilja Terentjew und Familie

1913 hatte Pischpek über 20.000 Einwohner, hauptsächlich Russen, Dunganen, Tataren und Usbeken. Die gesamte Industrie bestand aus zwei Brauereien, drei Gerbereien, einer Saftpresse sowie elf Mehl- und Ölmühlen, die etwa hundert Arbeiter beschäftigten. Das Hauptgewerbe der Bevölkerung war Handel und Transport. In der ganzen Stadt gab es Stände, an denen Lebensmittel, Alkoholika, Haushaltswaren, Kleider und Kerosin verkauft wurden. Die Läden der etwas wohlhabenderen Händler befanden sich an der Basarstraße (heutige Abdrachmanow-Straße, immer noch als Sowetskaja bekannt). Es gab ganze sechs Straßenlaternen (ohne Glas) – schlecht beleuchtet ist die Stadt heute noch. Selbst 1917, kurz vor der Oktoberrevolution, waren erst wenige Gebäude im Zentrum aus Holz oder gebrannten Ziegeln gebaut, der Großteil der Stadt bestand aus Lehmhütten an unbefestigten Wegen. Selbst heute stehen noch viele russische oder dunganische Häuser aus ungebrannten Lehmziegeln, und einige Nebenstraßen sind unbefestigt – das bedeutet Matsch im Winter und Staub im Sommer. Damals wie heute liegt der Ort oft unter einer Dunstglocke, wobei sich deren Zusammensetzung immer mehr vom Lehmstaub in Richtung Autoabgase verschiebt. Zum Glück ist die Stadt immer noch voller Bäume – Fetissow sei Dank!